1. Die Länge der Schale
Die Größe der Schale ist wahrscheinlich der am leichtesten zugängliche Aspekt.
Sie wird in der Regel durch zwei einfache Regeln bestimmt. Die erste besagt, dass die Schale etwa zwei Drittel
der dominanten Abmessung des Baumes haben sollte – Höhe oder Breite, je nachdem, was visuell überwiegt.
Ist Ihr Baum 30 cm breit, sollte die Schale etwa 20 cm lang sein (zwei Drittel von 30 cm).
Das ist eine hilfreiche Orientierung … aber kein Gesetz.
Und um Ihnen zu helfen, habe ich ein Werkzeug zur Berechnung der Topfgröße erstellt, das Ihnen eine Vorstellung von der idealen Größe für Ihren Baum gibt – basierend auf klassischen Regeln.
In der Komposition – sei es in der Bildhauerei, Malerei, Architektur oder im Bonsai (denn die Verbindung von Baum und Schale ist eine Form künstlerischer Komposition) – gibt es einige grundlegende Prinzipien. Eines davon ist das Prinzip der „Tangente“.
In der Kunst versucht man Tangenten möglichst zu vermeiden – also Linien oder Formen, die sich nur knapp berühren. Das menschliche Auge mag keine Formen, die sich lediglich streifen. Eine Linie, die einen Kreis berührt, eine Form, die gerade eine andere anschneidet: Solche Situationen wirken selten elegant.
Entweder durchdringen sich die Formen klar, oder sie halten deutlich Abstand voneinander.
Dasselbe gilt für den Baum in seiner Schale: Tangenten sollten vermieden werden. Deshalb versucht man unbedingt zu vermeiden, dass die Schale exakt die gleiche Breite wie der Baum hat.
Dieses Prinzip erlaubt es bereits, die Zwei-Drittel-Regel zu durchbrechen. Eine Schale kann größer sein als der Baum, wenn dies einer klaren gestalterischen Absicht entspricht. Manchmal wird ein Baum bewusst in eine sehr große Schale gesetzt, um eine weite Landschaft zu suggerieren – einen einzelnen Baum in einer offenen Ebene.
2 – Mit einer Zwei-Drittel-Schale wirkt die Komposition ausgewogen und harmonisch.
3 – Ist die Schale genauso breit wie der Baum, stört die Ausrichtung von Krone und Schale – es entsteht keine Spannung.
Die Zwei-Drittel-Regel ist letztlich ein Kompromiss: Sie sorgt für ein stimmiges Gesamtbild und vermeidet sowohl Tangenten als auch extreme Proportionen.
2. Die Höhe der Schale
Die zweite häufig genannte Regel besagt, dass die Höhe der Schale der Breite des Nebari entsprechen soll.
Doch diese Faustregel vermittelt vor allem eine grundlegende Idee:
Die Schale darf weder zu dominant noch zu unauffällig sein.
➜ Die Schale darf den Baum nicht überwiegen,
➜ und der Baum darf die Schale nicht erdrücken.
Misst das Nebari Ihres Baumes 5 cm, ist eine etwa 5 cm hohe Schale ein guter Ausgangspunkt. Diese Überlegung gilt jedoch vor allem für reife Bäume, deren Wurzelsystem über viele Jahre hinweg für die passende Schale entwickelt wurde.
2 – Flachere Schale, um einem luftigen Baum mehr Leichtigkeit zu verleihen.
3 – Tiefere Schale, angepasst an Kultur, Klima oder den Gesundheitszustand des Baumes.
Abgesehen von ästhetischen Überlegungen ist das wichtigste Kriterium die Gesundheit des Baumes.
Je nach Wurzelsystem oder Klima kann es sinnvoll sein, eine tiefere Schale zu wählen.
Es geht um visuelles Gleichgewicht – aber manchmal auch um grundlegende botanische Notwendigkeiten.
Bei einem leichten Laubbaum verstärkt eine etwas flachere Schale das Gefühl von Eleganz und Luftigkeit. Bei einem massiven Nadelbaum kann eine etwas höhere Schale hingegen der Komposition mehr Standfestigkeit verleihen.
3. Besondere Fälle
Die Zwei-Drittel-Regel funktioniert in den meisten Fällen sehr gut. Doch einige Bonsai-Stile wurden bewusst so konzipiert, dass sie sich davon lösen.
Diese Bäume spielen mit Leere, Ungleichgewicht, Spannung oder Landschaft. Ihre Logik ist nicht mehr die eines „gesetzten“ Baumes, sondern die einer starken gestalterischen Aussage. Eine mechanische Anwendung der Regel führt hier oft zu zu großen, zu langen oder schlicht unpassenden Schalen.
Schlanke Bäume und Literati (Bunjin)
Literati-Bonsai stehen für Vertikalität und Leere. Sie sind oft sehr hoch und extrem schmal.
Wendet man hier die klassische Regel an, wirkt die Schale im Verhältnis zur tatsächlichen Baummasse zu groß.
In diesem Stil ist die Breite der Komposition ein wesentlich sinnvollerer Bezugspunkt als die Höhe.
Die Schale ist bewusst kleiner als es die Regel vorgibt, um Leichtigkeit und vertikale Spannung zu betonen.
Die Leere ist hier ein integraler Bestandteil der Gestaltung.
Weit ausladende Bäume und Wälder
Manche Kompositionen sind stark horizontal geprägt: ausladende Kronen, Waldpflanzungen, Landschaften.
In diesen Fällen dominiert die Breite die visuelle Wahrnehmung.
Eine überdurchschnittlich lange Schale ist oft notwendig, um Stabilität zu schaffen
und der Komposition Raum zum Atmen zu geben.
Die Zwei-Drittel-Regel bleibt ein Ausgangspunkt, wird aber häufig erweitert,
um der Landschaft und nicht dem einzelnen Baum zu dienen.
Kaskaden und Halbkaskaden
Kaskaden und Halbkaskaden sind sehr spezielle Fälle.
Die dominante Dimension (Höhe oder Breite) kann hier irreführend sein.
In diesen Stilen dient die Schalenlänge nicht dazu, den Fall auszugleichen.
Diese Balance entsteht vielmehr durch Tiefe und Höhe der Schale, die für visuelle Verankerung sorgen.
Die Länge orientiert sich häufig an der kompaktesten Dimension des Baumes – nicht an der spektakulärsten.
Kleine Formate (Mame, Shohin)
In sehr kleinen Maßstäben werden die Regeln ganz natürlich flexibler.
Das Auge toleriert Abweichungen leichter, und das Verhältnis zwischen Baum und Schale
wird eher intuitiv als mathematisch beurteilt.
Proportionen bleiben wichtig, sind aber weniger zwingend.
Die Regel hilft vor allem, grobe Fehler zu vermeiden – nicht, eine Wahl festzuschreiben.
• Es handelt sich um traditionelle ästhetische Konventionen, nicht um Kulturregeln.
• Vermeiden Sie eine Schale, die exakt so breit ist wie der Baum.
• Die Höhe der Schale wird nach dem Gleichgewicht der Massen beurteilt, nicht in Zentimetern.
• Die Schale darf weder zu dominant noch zu unauffällig sein.
• Diese Regeln sind Orientierungshilfen und können frei angepasst werden.
• Am wichtigsten: Die Gesundheit Ihres Baumes steht immer an erster Stelle.