1. Die Wahrnehmung von Farbe
In nahezu allen Artikeln über Farbwahl stößt man unweigerlich auf diesen Farbkreis. Dieser beinahe heilige, magische Kreis, bei dem man angeblich nur die gegenüberliegende Farbe wählen muss, um die richtige Schale zu finden (das nennt man „Kontrast“ – darauf kommen wir später zurück).
Dann schaut man auf den Kreis und denkt: „Mein Laub ist grün, also sollte meine Schale… violett sein?!“ Anschließend heißt es, man solle das direkte Gegenüber doch lieber nicht wählen – aus eher vagen und unklaren Gründen.
Zunächst einmal beschränkt sich Farbe nicht auf diesen Farbkreis. Er zeigt lediglich den Farbton, doch eine Farbe wird ebenso durch ihre Sättigung (wie kräftig oder gedämpft sie ist) und ihre Helligkeit (wie nah sie an Weiß oder Schwarz liegt) bestimmt. Dein Laub ist offensichtlich kein grelles Neongrün, sondern ein dunkleres, weniger gesättigtes Grün. Zudem ist es kein einheitliches Grün, sondern eine ganze Palette von Grüntönen. Entsprechend ist die Komplementärfarbe kein einzelner Farbton, sondern ein mehr oder weniger breites Spektrum an Tönen auf der gegenüberliegenden Seite.
Zweitens basiert dieser Umgang mit Farbe ausschließlich auf der Physik des Lichts. Das menschliche Auge nimmt Farben jedoch deutlich differenzierter wahr. Es besteht aus drei Arten von Zapfen, die auf unterschiedliche Wellenlängen reagieren, allerdings nicht gleichmäßig verteilt. Wir sind wesentlich weniger empfindlich für Blau als für Gelb, Rot oder Grün.
Schließlich reagieren Auge und Gehirn auch auf die emotionale Wirkung von Farben. Besonders stark ist die emotionale Dominanz von Rot und seine unmittelbare Aufmerksamkeit erzeugende Wirkung.
Es ist kein Zufall, dass Warnhinweise, Signale und Gefahrenkennzeichnungen rot sind: Diese Farbe löst eine sofortige Reaktion in unserem Gehirn aus.
Wenn man all diese Faktoren kombiniert, ergibt sich ein Farbkreis, der unserer Wahrnehmung deutlich näherkommt: ein „perzeptiver“ Farbkreis (CIE Lab / LCh-Modell), in dem Blau und Violett eine wesentlich geringere visuelle Bedeutung haben.
In ihm sind Komplementärfarben jene Töne, die sich in unserem Gehirn ausgleichen – nicht in der Physik des Lichts.
In einem Lichtspektrum, das „verzerrt“ ist – oder besser gesagt an die Unvollkommenheiten unseres Sehens, unsere kulturellen Codes und die emotionale Wirkung von Farben angepasst – gelangen wir ganz natürlich zu dem für uns stimmigeren Grün-Rot-Kontrast.
Da Rot jedoch eine sehr starke Farbe bleibt, muss ihre visuelle Wirkung kontrolliert werden.
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:
→ die Menge reduzieren (was bedeuten würde, einen Baum in eine schalengroße Fingerhut-Schale zu setzen).
→ die Intensität reduzieren, indem man ein dunkleres, weniger leuchtendes Rot wählt
(ein warmes, bräunliches Rot).
Wenn dein Ziel darin besteht, ein goldgelbes Herbstlaub hervorzuheben, wird die Wahrnehmung von Gelb stets stärker sein als die von Blau. Dadurch kannst du sehr unterschiedliche – sogar ungewöhnliche – Blautöne verwenden, während das Gelb lange Zeit die dominierende Farbe bleibt.